1. Halle liebe BFler und Gäste,

    am 25.05.2018 endet die Übergangsfrist zum Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSVGO)

    Im Zuge dessen wurde die Datenschutzerklärung an die neue Gesetzeslage angepasst. Die neue Datenschutzerklärung kann man hier vorab nachlesen.

    Sobald die Datenschutzerklärung entgültig im BF aktiviert wird, muss diese von jedem Mitglied (beim Login, Rückkehr oder nächsten Aktivität im Forum) gelesen und dieser zugestimmt werden.
    Das Gleiche gilt auch für Besucher und bei einer Registration.

    Weitere Infos gibt es hier.

    Maddrax
    Admin BF
    Information ausblenden
  2. Wenn dies Ihr erster Besuch hier ist, lesen Sie bitte zuerst die Hilfe - Häufig gestellte Fragen durch. Sie müssen sich vermutlich registrieren, bevor Sie Beiträge verfassen können. Klicken Sie oben auf 'Registrieren', um den Registrierungsprozess zu starten. Sie können auch jetzt schon Beiträge lesen. Suchen Sie sich einfach das Forum aus, das Sie am meisten interessiert.
  3. Hallo Miteinander,

    aus gegebenen Anlass möchte ich Euch erneut drauf hinweisen, Eure Mail-Adressen auf Gültigkeit hier im Forum zu prüfen.

    Es kommt immer wieder vor das Unterhaltunsbenachichtigungen mit einer Fehlermeldung (ohne Inhalt der Unterhaltung) als nicht zustellbar zurückkommen.

    Ebenfalls lassen sich bei ungültigen Mail-Adressen keine neuen Passwörter verschicken.
    Gerade bei letzten Fall ist es wichtig eine gültige Mail-Adresse im Profil eingetragen zu haben.

    Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit
    Maddrax
    Information ausblenden

Erinnerungen

Dieses Thema im Forum "Gemeinschaft und Gesellschaft" wurde erstellt von platte, 22 Januar 2008.


  1. platte

    platte BF Rat

    Beiträge:
    3.079
    Zustimmungen:
    1.574
    Punkte für Erfolge:
    113
    Arbeitgeber:
    BEV
    Einsatzstelle:
    Hessisch Sibirien
    Einige Begebenheiten als ich ICE Beimann war.

    Während meiner Zeit im BW Frankfurt 1 (1989 bis 1994), wurden bei der DB zum Sommerfahrplan 1993, die ICE-Sprinterzüge eingeführt, was bedeutete, dass diese Züge in Fulda nicht mehr hielten und somit kein Beimann zusteigen konnte. Der Beimann war zu der Zeit noch bei Zügen vorgeschrieben, die schneller fuhren als 200 km/h. Das BW 1 musste nun die Beimänner stellen und wir wurden gefragt, wer eventuell Lust dazu hätte. Ich meldete mich sofort bereit, erstens natürlich um den Geschwindigkeitsrausch zu erleben und der zweite Grund waren die relativ günstigen Dienstzeiten in dem Beimannplan, die es mir erlaubten jeden Tag mit dem Zug von Marburg an die Arbeit zu fahren. Nach kurzer Ausbildung, die verständlicher Weise zum größten Teil bremstechnische Aspekte hatte, freute ich mich auf 6 Monate Nichtstun. Allerdings waren die Schichten sehr lang(11 h 40 min) und wir fuhren in der Regel zweimal am Tag von Frankfurt nach Hannover und zurück.

    Am ersten Montag nach Planwechsel hatte ich Dienst auf einem ICE Sprinter Express, der sogar ohne Halt bis Hannover durchfuhr. Die Abfahrt war 15:40 Uhr und da es der erste ICE Sprinter Express überhaupt war, standen am Bahnsteig auch ein paar Offizielle von der Bundesbahn, sowie einige Pressevertreter.
    Der Lokführer war noch mit seiner Bremsprobe beschäftigt und ich konnte das Treiben, durch das noch geöffnete Fenster, auf dem Bahnsteig beobachten. Mit hängender Zunge (es war recht warm), sah ich wie Hostessen mehrere Weizenbiergläser füllten und an die Anwesenden verteilten. Es wurden Fotos gemacht, allgemeines Geschwafel abgehalten usw., als plötzlich jemand anfing, mich zu fotografieren. Der Fotograf rief dann einem der Bundesbahn-Offiziellen zu, dass er Fotos machen wollte, bei denen der Lokführer aus dem Fenster lehnte und ein Bierglas in der Hand hatte, um sozusagen auf das neue Bahnzeitalter anzustoßen. Der gute Mann überlegte nicht lange und orderte ein Weizenbier bei der Hostess. Weil ich ein guter Kollege bin, informierte ich die Herrschaften, dass wir zu zweit auf dem Führerstand sitzen und ein zweites Bier noch fertiggemacht werden müsste, was auch sofort geschah. Ich sagte dem Kollegen (Hamburger Personal) er solle umgehend zum Fenster kommen, wir nahmen die Biergläser in Empfang und wir hielten die Gläser, bedingt wegen des kleinen Fensters, abwechselnd in die Kameras.
    Auf einmal war auch schon die Abfahrzeit da und die Ausfahrt war auch schon gezogen und der Zugführer pfiff das erste Mal um die letzten Reisenden zum Einsteigen zu bewegen. Eine Leichtathletin, die von der Bahn gesponsert wurde(keine Ahnung wer das war), hielt einen Zp9-Stab in der Hand und sollte noch ein paar Meter neben dem anfahrenden Zug mitlaufen. Das Abfahrsignal wurde gegeben, der Lokführer begab sich mit dem Bierglas in der Hand auf seinen Stuhl und schaltete auf. Ich stand noch am Fenster mit meinem Glas und richtete einen fragenden Blick an das hohe Tier von der Bahn. Dieser sagte: „Sie können das Bier ruhig trinken, es ist alkoholfreies Weizenbier“. Ich verzog trotz dieser niederschmetternden Nachricht keine Miene, prostete ein letztes Mal in die Kamera, schloss das Fenster und setzte mich auf meinen Stuhl.
    Wie wir da so saßen, müssen wir ein phantastisches Bild abgegeben haben. Hinten im Zug, jede Menge Schlipsträger in dem modernsten Zug der Bundesbahn, vorne der Lokführer mit seinem Beimann und jeder hat einen halben Liter in der Hand. Bei der Durchfahrt in Hanau war das Bier auch schon getrunken, es schmeckte auch gar nicht schlecht, aber kaufen würde ich mir so was nie.



    Zu den besonderen Anforderungen an einen Beimann gehört es, mit den verschiedenen Charakteren der Lokführer zu recht zukommen. Viele der Kollegen standen schon kurz vor der Pensionierung, so dass mir meine eigentliche Aufgabe, den Zug anzuhalten, wenn der Lokführer dienstunfähig wird, gar nicht mehr so abwegig erschien. Es gab sogar das Gerücht, dass einige ältere Lokführer aus Göttingen vor Gericht gezogen sind, um noch auf dem ICE ausgebildet zu werden. Der überwiegende Teil der Kollegen war aber sehr umgänglich und es gab meinerseits keinen Grund zu klagen.
    Es waren aber auch einige Spezialisten dabei. Ich stand eines Morgens in Frankfurt Hbf am Gleis 9 draußen am Bahnsteigende und wartete auf meinen Zug Richtung Hamburg, der in etwa 10 Minuten eintreffen sollte. Ich rauchte noch eine Zigarette und hielt Ausschau nach dem Lokführer bei dem ich mitfahren sollte.
    Nach kurzer Zeit schlenderte ein ca. 1,60 m großer Kollege in meine Richtung und ich begrüßte ihn höflich. Ich kannte ihn nur vom Sehen und doch wurde mir schlagartig klar, wie der Mann hieß. Er hatte sich eine Plakette aus Plastik machen lassen, die einem Haustürschild neben einer Hausklingel ähnelte und auf ihr stand mit weißer Schrift auf schwarzem Grund:
    ICE Lokführer
    Siegfried W….
    Ich ließ mir nichts anmerken, wir bestiegen ganz normal den Führerstand, und wenige Minuten später befanden wir uns auf der Strecke. Der Kollege erwies sich als sehr gesprächig, so dass ich schon in Fulda über seine Familienverhältnisse bestens informiert war. Er fragte mich dann plötzlich, wie mir sein Namenschild auf der Jacke gefallen würde. Peinlich betreten guckte ich erst auf meine Schuhspitzen, zuckte mit den Schultern und ließ ein undeutliches „Na ja“ verlauten, weil ich ihm ungern auf den Schlips treten wollte, denn schließlich musste ich noch einige Zeit mit ihm auf dem Zug verbringen.

    „Ich trage das Schild natürlich nicht, weil ich damit angeben will“
    „Ach nee“
    „Weißt du warum ich das Schild trage?“
    „Keine Ahnung“
    „Immer, wenn ich den Bahnsteig entlang gehe, steht der ICE-Chef an der Aufsicht und trägt die Nase etwas hoch. Wenn er dann mein Schild sieht, weiß er wer wirklich der Chef ist“

    Ich musste mich dann erstmal heftig räuspern und zum Glück wechselte er danach das Thema und ich wusste, dass er in Göttingen abgelöst wird. Wenige Minuten vor Göttingen nahm er den Hörer vom Zugbahnfunk in die Hand, drückte die Lautsprechertaste und hielt folgende Ansprache an die Reisenden:

    „Sehr geehrte Reisende. Hier spricht ihr ICE-Lokführer Siegfried W…. . Wir erreichen in Kürze Göttingen, wo ich abgelöst werde. Wir haben leider 6 Minuten Verspätung, was ich persönlich sehr bedauere. Ich möchte mich bei Ihnen ganz herzlich verabschieden und gleiches gilt natürlich für die Kollegen vom Zugpersonal und die Mitarbeiter der DSG. Auf Wiedersehen“.

    Ich war heilfroh, dass mich niemand sehen konnte, so peinlich war das. Der Mann fühlte sich wie ein Kapitän der Lufthansa, lächelte vor sich hin und war sichtlich stolz auf seine Durchsage, sowie seine pure Existenz im Allgemeinen.
    Als ich 1 ½ Stunden später von Hannover zurück fuhr, stand Siegfried wieder in Göttingen am Bahnsteig und war seinerseits der Ablöser. Da hieß es tief durchatmen, Augen zu und durch. Kurz vor Frankfurt zog er seine Nummer exakt noch einmal durch. Diesmal hatte er aber Pech, weil im Zug ein Kollege von der BD Frankfurt saß, weshalb ihm einige Tage später der Kopf gewaschen wurde.
    Im Übrigen war der Dienst als Beimann sehr angenehm. Wenn man kein Problem damit hat, die Arme auf der Brust verschränkt, die vorüberziehende hessische und südniedersächsische Landschaft zu beobachten, keinerlei Verantwortung trägt, sich von einer jungen Zugbegleiterin Kaffee bringen lässt oder selbst im Bordrestaurant holt und eine gewisse Trägheit sich angewöhnt, dann ist das der Job. Manchmal fuhr auch eine Ausbildungsgruppe mit oder ein Kollege fuhr Streckenkunde. Dann ging es in die erste Klasse und ich machte es mir dort bequem. Tageszeitungen, sowie Wochenmagazine wie etwa „Der Spiegel“ lagen dort aus und Video konnte man ja auch noch gucken. Ein Nickerchen war selbstverständlich auch immer möglich.

    In Hannover hatte ich immer 45 Minuten Zeit um mich um mein leibliches Wohl zu kümmern. Die Mettbrötchen führ DM 1,50 aus der Metzgerei in der Unterführung des Bahnhofes, bleiben mir ewig im Gedächtnis. Unvergessen ist auch der Griechische Schnellimbiss “Apostel“ in der Fußgängerzone.
    Von Zeit zu Zeit habe ich aber auch gearbeitet, denn einige Lokführer ließen mich nämlich auch an den Fahrschalter. Ich muss sagen, es war toll. Besonders auf dem Stück Frankfurt- Fulda ohne Linienleiter war die Fahrerei ein Genuss, besonders war die Bedienung der Bremsen spektakulär. Richtung Frankfurt vor Gelnhausen, am VR 0 in der Kurve mit 160 km/h vorbei, die Wachsamkeitstaste gedrückt und dann eine Vollbremsung einleiten, das war einfach ausreichend um ohne Probleme vor dem Einfahrsignal zum Halten zu kommen. Da hat so mancher Lokführer lieber durchgezogen und damit natürlich Beschwerden vom Zugführer riskiert, wenn dieser in den Speisewagen gerufen wurde, um einen Rotweinfleck zu begutachten.

    Mit so einem Nervenpaket (Hamburger-Personal) hatte ich einmal das zweifelhafte Vergnügen, von Frankfurt nach Hannover zu fahren. Es fing schon mal damit an, dass er es nicht für nötig befand, mein freundlich gesagtes „Guten Tag“ zu erwidern, sondern mich nur mit einem Blick von unten nach oben bedachte. „Nun denn“, dachte ich mir, „Was du kannst kann ich schon lange“ und hielt die ganze Fahrt meine Klappe. Ich traute meinen Augen nicht, als ich mitbekam wie unsicher der Mann war. Er blätterte ständig im Fahrplan und der La, verpasste oft die Geschwindigkeitswechsel und schien bar jeder Streckenkunde.
    Bei Bad Soden-Salmünster näherten wir uns mit 160 km/h einer seit Monaten eingerichteten Langssamfahrstelle 90 km/h. Der Mann wusste, dass irgendwas kommen würde, nahm aber das Lf 1 nicht wahr, da er wieder in der La vertieft war. Ich war immer noch beleidigt und sagte kein Wort. Schon waren wir über den Prüfabschnitt gefahren und von hinten aus dem Schaltschrank sagte die Computerstimme, „Zwangsbremsung, Zwangsbremsung, …..“. Die Zwangsbremsung löste er aus und beschleunigte sofort wieder auf 110 km/h, fuhren mit dieser Geschwindigkeit durch Steinau und Schlüchtern. Hinter Schlüchtern waren noch 3 Kurven mit 110 km/h zu absolvieren, die Letzte der 3 nahm er mit 140 km/h. Ich bin kein Angsthase, aber bei dieser Aktion bekam ich feuchte Handflächen. Richtig sauer wurde ich, als kurz vor Fulda die LZB anfing und seinen Job übernahm. Mit einem deutlichem „Gott sei Dank „, legte er AFB-Wähler und Zugkraftsteller nach vorne und überließ endlich der Technik, was er nicht kann.
    Ich habe noch nie eine Führerstandstür so knallen lassen, als ich an dem Tag in Hannover Grußlos abstieg.

    Als letztes muss ich noch etwas über einen ICE-Chef erzählen. Es begab sich, dass wir eines Nachmittages, mit 10 Minuten Verspätung im Gepäck, Richtung Frankfurt fuhren. Bei der Durchfahrt in Fulda, meldete sich die Betriebsleitung (gab es damals noch) mit dem Begehr den Zugführer zu sprechen, zwecks der Absprache über Anschlusszüge in Frankfurt. Die Zugführer trugen Piepser bei sich, welcher ertönen, wenn der Lokführer einen entsprechenden Knopf am Führerstandtisch bediente. Jedenfalls, nach mehrmaligen Versuchen, meldete sich der Zugführer nicht. Der Lokführer versuchte dann, den Zugführer mittels Lautsprecherdurchsage, „Zugführer vom 4711 bitte mal beim Lokführer melden“, an die Strippe zu bekommen. Endlich, nach 3 Versuchen und wir waren schon fast in Hanau, war der Mann am Apparat.
    „Kollege, wo bist du denn abgeblieben. Ich versuch schon ewig dich zu kriegen“
    „Ich fühlte mich nicht angesprochen, ich bin nämlich der ICE-Chef und nicht der Zugführer“
    Leicht erregt erwiderte der Lokführer, dass er in Hanau erstmal anhalten würde und dort so lange stehen bleibt bis ein neuer Zugführer käme, denn ohne Zugführer könnte er nicht weiterfahren. Das hatte dann wiederum erhebliche Beschwichtigungsversuche des Zugführers zur Folge, so dass doch die Weiterfahrt erfolgte.
    Im November 1993 wurden die Vorschriften geändert und der Beimann war abgeschafft. Nach 6 Monaten hatte es mir auch gereicht und ich war froh wieder im normalen Fahrdienst (wenn auch S-Bahn) zu sein.

    ENDE
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 3
  2. Karibikfan

    Karibikfan Gast

    AW: Beimann 1993

    Lieber Steinyplatte !

    Du hast definitiv heutzutage den falschen Job. Wenn Du umsatteln würdest auf Schriftsteller, hättest Du vermutlich erheblich mehr Geld auf Deinem Konto. Einer, der über die Erlebnisse seiner Laufbahn so hautnah, herzerfrischend und ironisch schreiben kann sollte das echt der Nachwelt hinterlassen.

    Ich jedenfalls bin jedesmal sehr erfreut und zumeist hochamüsiert, Deine perfekt erzählten Geschichten zu lesen :)

    Grüße aus dem Frankenland



    Karibikfan
     
  3. Prekarier

    Prekarier BF Veteran BF Unterstützer

    Beiträge:
    2.731
    Zustimmungen:
    22
    Punkte für Erfolge:
    38
    Arbeitgeber:
    DB Fernverkehr
    Einsatzstelle:
    EDO
    Spezialrang:
    BF Unterstützer
    AW: Beimann 1993

    Moin Steinyplatte,

    wieder mal ne tolle Geschichte. Klasse geschrieben. :s30:

    Ich war zu dieser Zeit auch öfter als Beimann unterweg. Allerdings nur mit 232er auf der Strecke Berlin-Hannover. (PZB war noch nicht vollständig ausgebaut.)
    Man fühlte sich damals "degradiert" wenn einen der Tagebuchführer zu solch einem Dienst einteilte, aber heutzutage würde man über solch lockere Schichten nur grinsen.
    Tja und über die Zusammenarbeit mit dem "Linksaußen" könnte man wirklich Romane schreiben. Lokführer und Beimann kamen bei uns ja aus der gleichen Dienststelle, man kannte und verstand sich.
    Oder auch nicht.

    So einen Kollegen, wie Du den Herren mit seinem Namensschild beschrieben hast, hatten wir auch.
    (Gibts den nicht in jeder Dienststelle?) :D
    Unser Kollege hatte auch seine Marotten. Er war der absolute Überstundenkönig. Er schlief quasi auf der Lok, weil sich ein nach Hause gehen nicht gelohnt hätte. Seine Frau arbeitete als Studienrätin und er konnte es nicht verknusen, wenn sie einen höheren Betrag auf der Gehaltsabrechnung hatte. Also Überstunden ohne Ende.

    Fachlich war er absolut firm. Papa Kramer hätte seine helle Freude an ihm gehabt.
    Bremstechnisch... Hmmm... Er hatte an der Strecke seine markanten Punkte, aus Vmax dann kurzvorknapp Vollbremsung und der Zug stand punktgenau und auch ruckfrei am Bahnsteig. Nicht gerade mein Ding, aber solange es klappt - why not? Wenn der Meister auf die Lok stieg, Fahrpläne und LA bereitlegen und seine riesige, goldene Taschenzwiebel von der Kette lösen, noch mal aufziehen und neben den Tacho stellen.
    Jeder Zoll ein richtig königlich-preußischer Übereisenbahner.

    Menschlich dagegen war er ein absoluter Versager. Es war meine allererste Tour mit ihm und wenn er denn schon mal mit solch einem "niederen Wesen" wie seinem Beimann sprach, dann nur in der dritten Person. "Hat Er denn schon einmal gebremst?"
    Ist der doof? Ich bin selbst schon fast 10 Jahre Lokführer. "Hat er!" sagte ich nur. Grimmiges Gesicht von ihm und 30 Kilometer verbiestertes Schweigen.

    Mit 120km/h Einfahrt in Solpke, (zwischen Gardelegen und Oebisfelde) der Meister kommt an seinen "Bremspunkt", Vollbremsung und...
    ...der erste Wagen prompt am Bahnsteig vorbei. Erstaunt-entsetzter Blick. Tja, seine Herrlichkeit hatte nicht auf den Bremszettel gesehen und mitbekommen, daß der Zug weniger Bremsprozente hat als üblich.
    Eine Weile nach unserer Abfahrt: "Das bleibt aber unter uns oder?"
    Ich hab damals natürlich nichts erzählt und seit dem Zeitpunkt war er auch etwas netter zu mir. Allerdings hat er sich nie abgewöhnt einen in der 3. Person anzureden. Bei unserer nächsten gemeinsamen Fahrt hat er sogar versucht, einen Witz zu erzählen. Das hat bestimmt weh getan (so aus sich heraus zu kommen.)

    Es geht aber auch anders. Meinen Lokführer vom Ostersonntag '93 werden einige von Euch kennen, denn er ist heute Lehrer.
    (Name bleibt auf Grund der Story aber geheim.) :D
    Er hat damals seine Belehrungsfahrten auf der 106 bei mir gemacht und von daher kannten und verstanden wir uns prima. Die Fahrt nach Hannover war eh schon lustig, denn wir erzählten nur dummes Zeug.
    Als wir in HH landeten, hatten wir ne Stunde Pause. Schlenderten durch den Bahnhof und plötzlich meinte er: "Was meinste, sollen wir uns ne Palette Äpfel mitnehmen?"
    Es war an dem Tag ungewöhnlich warm und so zogen wir mit einer kleinen Holzstiege voller Äpfel Richtung Bahnsteig.

    Na ja, es kam wie es kommen mußte und wir bekamen fürchterliche Blähungen. Die Fahrt ließ sich nur mit beidseitig geöffneten Fenstern ertragen. Ein Wunder, daß es keine "Brandlöcher" in den Sitzpolstern gab.
    Wir haben uns jedesmal halb scheckig gelacht. Als wir völlig albern am Ablösebahnhof ankamen, bedauerten wir nur den Kollegen, der auf den "verseuchten" Führerstand mußte.
    Wenn wir uns heute sehen: "Und, jehn wa Äppel holn?" "Nee, laß ma jut sin!"
    Diese Fahrt wird uns wohl ewig in Erinnerung bleiben. :D

    Viele Grüße ausm Pott
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
  4. Prekarier

    Prekarier BF Veteran BF Unterstützer

    Beiträge:
    2.731
    Zustimmungen:
    22
    Punkte für Erfolge:
    38
    Arbeitgeber:
    DB Fernverkehr
    Einsatzstelle:
    EDO
    Spezialrang:
    BF Unterstützer
    Moin Moin
    Ürsprünglich wollte ich folgenden Text als Blog einstellen, aber dort sind nur maximal 10.000 Zeichen erlaubt. Deswegen jetzt hier. Dieser Text ist ziemlich lang, also bringt viel Zeit mit. Viel Spaß beim lesen.

    --------------------------------------------------------------------------

    Welcher ehemalige DDR Bürger kennt ihn nicht, den berühmten Sketch von Herricht und Preil - "Die Reisebekanntschaft".
    Dort fährt Rolf Herricht bekanntlich nach Budapest und zwar über Hohenwulsch. Dieses kleine Kaff mit rund 400 Einwohnern kannte er, wenn überhaupt, wahrscheinlich nur, weil er nach dem Krieg als Schauspieler am Theater in Stendal tätig war. Aber der Flecken hat tatsächlich einen Anschluss an die Eisenbahn. Und bis zur Stilllegung der Kleinbahn am 09.06.2001 sogar zwei…

    03.00 Uhr. Der Wecker bimmelt erbarmungslos. Verfluchte Sauzucht. Diese infame Kreatur. Noch ein paar Minuten dösen? Lieber nicht, sonst penne ich wieder ein. Also los, hoch. Zuerst in die Küche, den Muntermacher brauen. Während die Kaffeemaschine blubbert, kann ich den eigenen Körper auf Vordermann bringen. He, Du da im Spiegel, Du siehst genauso motiviert aus wie ich mich fühle. Liegt es vielleicht daran, dass ich heute mal wieder meine absolute Hassschicht machen muss?
    Man könnte ja so schön auf ner klimatisierten 112er nach Uelzen fahren. Gerade bei der Jahreszeit. Der Wetterbericht im Radio hat für heute "kuschelige" 30 Grad angeboten. Na toll. Statt ner kühlen, schnellen E-Lok Rutsche…
    Langsam sehe ich wieder wie ein Mensch aus. Jetzt gemütlich ein Käffchen schlabbern und ne Zigarette dazu. Das einzig Gute an der Schicht, man braucht sich um die Verpflegung keine Sorgen machen. Was denn, schon so spät?
    Nix wie los.

    Zu dieser nachtschlafenden Zeit bekommt man wenigstens noch einen guten Parkplatz im Bw. Zur Lokleitung sind es nur ein paar Schritte. Ach, immer die selben Pappnasen. Wenigstens macht C. heute Lokleitung. Also noch ein paar Runden Mahjong bevor es losgeht. Die neusten Tratschmeldungen gibt’s inklusive. Noch ‘n Kaffee? Klar doch. Das wird noch dauern bis ich den nächsten bekomme. So, nun aber Schluss mit Lustig. Welcher Ofen darf es denn heute sein? 772 xxx - Gott sei Dank ohne Beiwagen.
    Es ist noch stockduster als ich zur Drehscheibe 1 latsche. Die Blutblase ist schnell gefunden. Batteriehauptschalter ein und den Motor an, damit ich erst mal Luft habe. Das dauert bei den Dingern ewig. Warum kann die Nachtbereitschaft die Kisten nicht schon mal ne halbe Stunde vor Dienstbeginn anwerfen? Dann könnte man sich die Warterei sparen. Na egal, bis der lahmarschige Drehscheibenwärter von Scheibe 2 bis hier runter getapert ist, hat die Bude auch Luft. Also ran an den Fernsprecher.
    "Moin Herr Durchdreher, kommst Du mal zur Scheibe 1, ich will raus."
    Was heißt eigentlich will?

    Als ich zurück auf dem Triebwagen bin, reiße ich erst mal alle Klappfenster auf. Hier drin ist es noch immer bullig warm vom Vortag. Und in der Nacht hat es sich kaum abgekühlt. Ich kann sehen, dass in der Scheibenbude das Licht angeht. Donnerwetter, so schnell? Langsam dreht sich die Scheibe in meine Richtung.
    Der Scheibenwärter gibt mit der Handlampe "Herkommen" und die grausige Tröte der Drehscheibe klingt wie eine angefahrene Kuh.
    Der zweite Knall signalisiert mir, dass auch die hintere Achse auf der Scheibe ist. Ich fahre bis vor die Scheibenbude und rufe dem Wärter meine Lz Nummer zu. Er dreht uns in Richtung Ausfahrt und ruft beim Stellwerk an um die Zugnummer weiter zu geben.
    Als er die Bestätigung hat, winkt er mich von der Drehscheibe.
    Nachdem ich "zwei Helle" hab, gehts direkt bis zum Stellwerk. Einmal Kopf machen und dann zurück zum Bahnsteig, meinen Zughaken abholen. Mal sehen, welche alte Tante es heute ist. Kann ja nichts brauchbares sein. Warum fahren auf der Strecke nicht mal 20-jährige, langbeinige Blondinen mit?
    Am Bahnsteig steht die alte Gerda. Ach herrje, auch noch diese Labertasche. Dann lerne ich heute wieder alle, seit 1753 vorgekommenen Krankheiten in ihrer Familie kennen.
    "Ja und die Cousine Gertrud, die hat doch damals dieses eitrige Furunkel im Gesäßbereich gehabt…"
    Gott bewahre, ich bin doch durch die Tour schon genug gestraft.

    "Moin Gerda, schön Dich zu sehen. Wie geht’s? Wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen. Setz Dich hier vorn hin, ich lasse während der Fahrt die Türen auf, damit es sich ein wenig abkühlt."
    Ausfahrt mit 60/Vmax und 12 Stunden Landurlaub beginnen…
    Nach 10 Kilometern auf der ehemaligen "Amerikalinie" erreichen wir Steinfeld, nach 15 Kläden und bei Kilometer 20 haben wir unseren Zielbahnhof Hohenwulsch erreicht. Tante Gerda ist nicht so flink auf den Füßen, also melde ich mich selbst beim Fahrdienstleiter. Die muss heute noch genug rennen. Wieder Kopf machen und dann geht’s zum Schlüsselkasten. Wir müssen uns hier einschließen. Nachdem ich auch die zweite Weiche umgelegt und verschlossen habe, geht’s zurück zum Schlüsselkasten und der Fdl kann die Stammstrecke wieder frei geben. Nun befinden wir uns auf dem letzten befahrenen Rest der ehemaligen Altmärkischen Kleinbahn AG, dass einmal eine Gesamtlänge von 127 Kilometern hatte.
    Nach zirka 200 Metern ist der Bahnsteig der Kleinbahnseite erreicht. Was man so Bahnsteig nennen kann. Ein paar alte Schienenstücke sind zwischen eingegrabenen Schwellen aufgeschichtet und bilden die Bahnsteigkante. Der Rest ist einfach aufgefüllter, festgetrampelter Sand. Es gab sogar mal ein Bahnhofsgebäude auf der Kleinbahn, aber die "gute, alte Zeit" ist längst vorbei. Das Gebäude wurde verkauft. Man hätte es ebenso gut verfallen lassen können, denn der jetzige Besitzer kümmert sich um nichts. Der Putz fällt in pfannengroßen Fladen von den Wänden, Risse im Mauerwerk und der Garten sieht aus wie ein botanisches Experiment über Wildwuchs. Einzige Freude sind die riesengroßen Brombeerhecken, aber leider sind sie noch nicht so weit.

    Wir haben noch ein paar Minuten bis zur Abfahrt unserer ersten Zugleistung. Fahrgäste sind eigentlich nicht zu erwarten. Außer einem. Oder vielmehr einer. Der wichtigsten des Tages. Da steht sie auch schon und wartet wie jeden Tag. Die Bäckerfrau. Das "Guten Morgen" ist freundlich, ehrlich und kommt von Herzen. Wie immer hat sie für "ihre" Zugbesatzung Frühstück dabei. Für jeden eine braune Papiertüte mit drei Pfannkuchen (Berliner) oder anderen Leckerlis. Das macht sie schon seit Jahr und Tag und noch kein Zugpersonal hat sie jemals nach einer Fahrkarte gefragt. Ich weiß nicht, ob das ein stillschweigendes Abkommen war, aber es war halt schon immer so und daran gab es nichts zu rütteln. Und das war auch gut so. Natürlich hatte unser VIP auch ihren Stammplatz. Kunststück bei einem ansonsten völlig leeren Triebwagen. Man hätte auch ein Namensschild anbringen können, wenn immer der gleiche Triebwagen im Einsatz gewesen wäre. Die alte Gerda konnte sitzen bleiben, wie erwartet wollte niemand weiter mitfahren. "So Jung', fahr man ab. Is Zeit."
    Los gings auf eine 15 Kilometer lange Fahrt im Geschwindigkeitsrausch.
    In einer langen Linkskurve ging es aus Hohenwulsch hinaus, dass früher einmal Bismark - Anschluss oder Bismark - Ost hieß. Der Bahndamm führt parallel zur Landstraße nach Bismark (Stadt). Auf Grund des guten Oberbauzustandes betrug die Höchstgeschwindigkeit 10km/h! Die gesamte Fahrzeit für die schlappen 15 Kilometer betrug sage und schreibe 41 Minuten.

    Nach ein paar Kilometern muss Tante Gerda doch von ihrem Sitz hoch, denn kurz vorm Bahnhof Bismark kreuzt eine Straße das Gleis. Aus abgesägten, alten Schwellen wurden mit Bauklammern zwei Podeste gebaut. Einmal vor und einmal hinter der Straße. Gerda schnappt sich die weiß-rote Warnflagge, stelzt vorsichtig aus der Tür und postiert sich auf der Fahrbahn. Aber es sind noch keine Autos unterwegs. Langsam fahre ich an und rolle gleich die 100 Meter bis zum Bahnsteig durch. Schnaufend kommt Gerda durch die Tür: "Dschunge, Du hättst doch auf mich warten können!" Innerlich feixe ich, mache aber ein betretenes Gesicht.
    Natürlich gibt’s auch in Bismark noch keinen Zustieg. Zp 9 gibt’s mit seitwärts gerecktem Daumen. Von jetzt an dürfen wir ein kurzes Stück rasen. Mit flotten 30 geht’s bis zum Ortsausgang, dort muss die geplagte Frau Zugbegleiterin erneut das Fahrzeug verlassen um einen weiteren Bahnübergang zu sichern. Diesmal kam sogar ein Auto. Der morgendliche Milchlaster. Man kennt sich, man grüßt sich. Lässig mit zwei Fingern an den Kopf.

    Hinter Bismark beginnt eine relativ weite Fläche, die viel Ähnlichkeit mit einer Heide hat. Vereinzelte kleine Kiefern. Auf der rechten Seite, wie immer, eine Gruppe Rehe. Hasen zu dutzenden. Auf den Spitzen der alten, morschen Telefonmasten ein paar Greifvögel. Das ist schon fast kitschig. Wer es nicht mal gesehen hat, wird es kaum glauben. Jetzt kommt auch langsam die blaue Stunde. Diese Tageszeit liebe ich besonders. Es ist nicht mehr richtig dunkel, aber die Sonne ist auch noch nicht so richtig raus. Meist ist es dann auch sehr ruhig. Doch durch den brummenden Diesel können wir das nicht genießen. Langsam kommen wir dem Waldrand immer näher. Jetzt ist es wieder stockduster. Doch das dauert nicht allzu lange, denn plötzlich befindet man sich mitten in gelben Getreidefeldern. Die Halme stehen bis dicht an das Gleis.
    Man kommt sich wie auf einem Mähdrescher vor. Auf der rechten Seite kommen ein paar Bäume in Sicht. Streckenkenntnis ist durch nichts zu ersetzen. Es sind Apfelbäume mit einer richtig leckeren Sorte. Ich weiß zwar nicht wie sie heißt, aber das ist egal. Hauptsache, sie schmecken. Ich halte kurz an und springe schnell aus der Tür. Der Bremsweg aus 30 km/h ist ja auch gewaltig. Reiße im Scheinwerferlicht schnell sechs Apfel ab. Zwei für Gerda, zwei für die Bäckerfrau, die mich anstrahlt und zwei für mich. Diese Bäume stehen einfach genial. Zu weit ab vom Schuss, als das man sie von woanders erreichen könnte. Weiter geht’s durchs Getreide. Dann taucht linkerhand ein verlorenes Gebäude auf. Der Haltepunkt Berkau. Hier steigt unsere Bäckerfrau aus. "Tschüß, bis morgen." Wenn sie zurück fährt, sitzt schon die Spätschicht auf dem Triebwagen.

    Kurz hinter Berkau beginnt der "Tunnel". Es gibt natürlich keinen Tunnel auf dieser Strecke, aber der (Ur)wald, der jetzt beginnt ist so enorm, dass er fast wie eine Profillehre wirkt. Das Gestrüpp kratzt an der Außenhaut, an den Fenstern und scheint undurchdringlich. Schaukelnd bewegen wir uns durch diese grüne Hölle. Überall Blätter und am Boden sieht man links und rechts Wasser glitzern. Es ist ein sehr feuchtes Gebiet, war bestimmt mal ein Sumpf oder Moor. Nach einiger Zeit haben wir es dann geschafft. Vorbei geht’s an einer Koppel, die mit alten Eisenbahnschwellen und Stacheldraht eingezäunt ist. Komische Mischung. Dann halte ich vor einer Landstraße. Gerda hat die Flagge schon in der Hand. Zwar kann man die Straße auf beiden Seiten sehr weit einsehen, weil die Bahnlinie sie in einer lang gezogenen Kurve kreuzt, aber sicher ist sicher. Diesmal lasse ich sie gleich wieder einsteigen, obwohl es bis zum Bahnsteig vom Haltepunkt Neuendorf-Karritz nicht mal 50 Meter sind. Das kleine Empfangsgebäude ist schon seit ewigen Zeiten zugenagelt. Nachdem ich Gerda aufgesammelt habe, fahren wir dort gleich durch, denn es ist sowieso keine Menschenseele zu sehen.

    Jetzt beginnt der letzte Streckenabschnitt. Wir müssen mit der Geschwindigkeit wieder auf 10 km/h herunter, denn die Schwellen sind so desolat, dass es an ein Wunder grenzt, dass sie uns überhaupt noch tragen. Diese Betonschwellen sind teilweise so zerbröselt, dass in der Mitte nur noch die Armierungen vorhanden sind. Es sieht fast so aus, wie zu Anfangszeiten der Eisenbahn in England, als die Gleise noch auf einzelnen Klötzen oder Steinen verlegt wurden. Also Beton(rest)klotz - ein paar rostige Armierungeseisen - Betonklotz. Der Beton ist so zerbröselt, dass die Reste schon zwischen den Schotter gefallen sind. Manchmal stehen auch die Außenseiten der Schwellen schräg nach oben. Fast unglaublich, dass hier noch niemand entgleist ist. Die Strecke führt auf einem aufgeschütteten Kiesdamm durch eine feuchte Niederung. Das Schilf ist manchmal so hoch wie die Fensteroberkante. Die Fahrt geht über kleine Wasserläufe und die alten Brücken machen auch einen abenteuerlichen Eindruck. Die Holzschwellen die dazu verwendet wurden, liegen bestimmt schon seit der Streckeneröffnung im Jahre 1899. Die Geländer sind so dünn und angerostet, die würden nicht mal der Belastung eines Kleinkindes stand halten. Langsam wird das Schilf immer niedriger und die Gegend trockener. Kleingärten links und rechts vom Gleis. Die ersten Häuser tauchen auf.
    Die Zivilisation hat uns wieder. Zum letzten Mal muss die geplagte Gerda einen BÜ sichern und nach etwa 400 Metern sind wir das erste Mal am Ziel unserer Reise: Kalbe/Milde.

    Ich ziehe die Handbremse fest, denn wenn der Motor so einer Ferkeltaxe nicht läuft, arbeitet logischerweise auch der Kompressor nicht. Und die Dinger sind höllisch undicht. Ohne Luft keine Bremse und unsere Blutblase ist verschwunden. Die Strecke fällt ausgerechnet auch noch Richtung Straße ab, anstatt Richtung Prellbock. Währendessen hat meine "Tagesmutti" den Bahnhof aufgeschlossen, das Radio eingeschaltet und die Kaffeemaschine startklar gemacht. Hier im alten Dienstraum hat jeder seinen privaten Kaffeepott und auch seine Latschen. Also raus aus den Straßenbotten und rein in die Filzpuschen. Es gibt einen großen Tisch mit dunkelbrauner Holzplatte, den hunderte von Kaffeetassenabdrücken zieren. Wasserring an Wasserring.
    Beuys hätte daraus ein Kunstwerk gemacht. Ein uralter Kühlschrank summt in der Ecke. Durchgesessene Sessel, ein paar harte Holzstühle. Ich vermute sie stammen auch noch von der Streckeneröffnung. Kümmernde Grünpflanzen, die zwar regelmäßig gegossen werden, aber in der steinharten, uralten Erde kaum gedeihen. Der Kachelofen hat Lieferwagengröße und davor stehen drei leere Eimer. Die Kohlen für den Winter kommen schon seit Jahren nicht mehr mit der Eisenbahn, aber ein, der Größe des Ofens adäquate Haufen Briketts, liegt seitlich am ehemaligen Güterschuppen. Das Waschbecken hat braune Verfärbungen vom eisenhaltigen Wasser und der Wasserhahn aus Messing würde jeden Museumsdirektor in Verzückung bringen. Dafür fehlt die Seife. Eine verbeulte Konservendose mit Scheuersand, der allerdings steinhart ist, hilft bei Gröberem. Für die Tassen und Teller gibt’s Spülmittel aus privaten Beständen.
    Die Vorhänge sind nikotingelb und man berührt sie lieber nicht, es sei denn man nimmt die folgende Staublawine ungerührt hin. Könnte auch sein, dass sie einem in den Fingern zerbröseln. Abgerundet wird die Einrichtung durch ein Regal mit Geschirr, ein Regal für die Latschen und einem riesigen Aschenbecher, den man von der Größe her auch als Kinderplanschbecken nutzen könnte. Und dann ist da noch der Grill. Aber dazu später mehr…


    Wird fortgesetzt.
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 2
  5. Ludmilla_Fan

    Ludmilla_Fan Quotengiftzwerg BF Unterstützer

    Beiträge:
    1.186
    Zustimmungen:
    1.456
    Punkte für Erfolge:
    113
    Arbeitgeber:
    Freightliner DE
    Einsatzstelle:
    Berlin
    Spezialrang:
    BF Unterstützer
    AW: Erinnerungen

    Toll, danke fürs posten :) Hat Spaß gemacht zu lesen, und das ein oder andere Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen :) Freu mich schon auf die Fortsetzung.

    Cheers,

    Dominik
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 1
  6. Traindriver

    Traindriver Moderator Team BF

    Beiträge:
    9.574
    Zustimmungen:
    2.964
    Punkte für Erfolge:
    113
    Arbeitgeber:
    DB Cargo
    Einsatzstelle:
    Lehrte
    Spezialrang:
    BF Unterstützer
    AW: Erinnerungen

    Ich habe noch eine LP von den beiden und ab und zu......;)

    Lachen muß ich immer noch dabei!!!:D
     
    • Gefällt mir Gefällt mir x 1
  7. Waschbaer

    Waschbaer BF Hauptsekretär BF Unterstützer

    Beiträge:
    1.462
    Zustimmungen:
    576
    Punkte für Erfolge:
    113
    Arbeitgeber:
    DB Cargo
    Einsatzstelle:
    la ville de Quadrate
    Spezialrang:
    BF Unterstützer
    AW: Erinnerungen

    Eine romantische Eisenbahnreise in der Altmark. Da war die Welt noch in Ordnung. :D

    MfG
    Der Waschbär
     
  8. --taurus--

    --taurus-- BF Sekretär

    Beiträge:
    909
    Zustimmungen:
    2
    Punkte für Erfolge:
    18
    AW: Erinnerungen

    Hey Prekarier!

    Klasse, super geschrieben und hat wirklich Spaß gemacht zu lesen! :)

    Hast du die Geschichte geschrieben, und bist du der Lokführer der Ferkeltaxe? :cool:

    Was ist aus der Strecke geworden? Gibt es sie noch? Im Osten kenn ich mich überhaupt nicht aus... :confused:

    Viele Grüße vom Fernverkehrs-Olymp,

    --taurus-- :D
     
  9. sbb.lokmaster

    sbb.lokmaster Super-Moderator Team BF

    Beiträge:
    15.679
    Zustimmungen:
    4.844
    Punkte für Erfolge:
    113
    Arbeitgeber:
    DB Regio Südostbayernbahn
    Einsatzstelle:
    BW Mühldorf (Obb.)
    Spezialrang:
    BF Unterstützer
    AW: Erinnerungen

    Eine lustige und kurzweilige Geschichte. Da ich das Original leider nicht kenne, muß ich es mir mal versuchen irgendwie zu besorgen, sofern es das noch gibt. Aber wir sind gespannt auf die Fortsetzung.
     
  10. nimmi

    nimmi Spätbremser BF Unterstützer

    Beiträge:
    2.314
    Zustimmungen:
    45
    Punkte für Erfolge:
    48
    Arbeitgeber:
    Metronom
    Einsatzstelle:
    HG
    Spezialrang:
    BF Unterstützer
    AW: Erinnerungen

    Hallo Prekarier,

    Das erinnert so richtig an die "gute alte Zeit"- Nebenbahn ist doch etwas Feines.
    Ähnliche Geschichten konnte man auch zwischen BFUW und BBES oder BMB und BBUC erleben. Ich habe mal einen Zwischenhalt zum Pilzepflücken gemacht, welche ich bereits seit Tagen beim Wachsen beobachtet hatte...
    Der 772 rollt übrigens auch bei laufendem Motor irgendwann weg, dank Bremsbauart K-P-Mg mZ. Da hilft nur die fast wirkungslose Hbr ;)

    Nur auf der Nebenbahn wurde auf einen "Stammkunden" 5 min. oder sogar länger gewartet, wenn er mal überraschend nicht am Bstg. stand. Meist hat man dann am nächsten Hp erfahren, das er a.) Urlaub hat oder b.) krank ist. Gut- brauchte man sich keine Sorgen machen und am nächsten Tag nicht zu warten :D

    Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

    Gruß von einem, der 6 Jahre auf dem "Ferkelbus" war und dabei alle Varianten dieser Fahrzeuge kennenlernen durfte...


    M.

    Edit: Ich war übrigens erst vor wenigen Wochen in LAS und habe die Reste der Strecke gesehen- war beim ehem. FDL zu Gast.